Service Learning: In der Schule üben, Bürger zu sein

Über 70 Vertreterinnen und Vertreter aus Schule, Hochschule, Kitas, Gemeinden und gemeinnützigen Organisationen der Stadt und des Landkreises Osnabrück verfolgten am 3. Juni 2013 im Kreishaus am Schölerberg den Vortrag und die Podiumsdiskussion zum Thema Service Learning. Der Bildungsansatz verbindet freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement und Schulunterricht.

(v.l.n.r.) Dr. Jutta Schröten, Prof. Dr. Thomas Bals, Landrat Dr. Michael Lübbersmann, Prof. Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg, Marie Derkes, Clemens Brunsen, Netzwerk-Sprecher Michael Prior / Quelle: Hermann Pentermann / Landkreis Osnabrück

Das Netzwerk Bildung – Stiftungen für die Region Osnabrück hatte dazu Impulsgeber und Initiatoren von Service-Learning-Projekten aus der Umgebung eingeladen. „Die große Resonanz auf die erste Veranstaltung dieser Art in der Region zeigt, dass wir damit den Nerv getroffen haben und das Thema weitertragen müssen“, begrüßte Michael Prior, Sprecher des Netzwerkes und Geschäftsführer der Friedel & Gisela Bohnenkamp-Stiftung, das Fachpublikum. Zuvor hatte der Landrat Dr. Michael Lübbersmann in seinem Grußwort auf die positiven Effekte von Lernen durch Engagement hingewiesen.

In einem Impulsvortrag stellte Dr. Jutta Schröten, Projektleiterin Service Learning der Initiative sozialgenial des Vereins Aktive Bürgerschaft aus Münster, das Bildungskonzept wissenschaftlich vor. Mit Beginn der „PISA-Aufregung“ im Jahr 2001 kam das Konzept aus den USA nach Deutschland. Service Learning erreicht alle Kinder und Jugendliche, unabhängig von Herkunft, Schulform oder Schulleistungen. Schüler üben in einer vereinfachten Umgebung, der Schule, Bürger zu werden“, unterstrich Dr. Schröten die Selbstwirksamkeit von Engagement. Die Kinder entwickeln etwas von Anfang an und entsprechend ihrer Interessen, sie lernen miteinander zu diskutieren und zu entscheiden. „Solche Projekte ziehen auch Schülerinnenund Schüler an, die sonst nicht die Könige in der Klasse sind.“ Als Beispiel nannte Jutta Schröten Berufskolleg- und Hauptschulklassen, die Demenzkranken vorlesen oder auswärtigen Schulklassen eine englischsprachige Führung durch einen Stadtteil anbieten. „Jede Schule hat eine Tradition oder einen Schwerpunkt, zu dem ein Service-Learning-Projekt passt“, versicherte Dr. Schröten.

Schnell einig waren sich die Protagonisten der anschließenden Podiumsdiskussion darüber, wie notwendig und dringend Service Learning oder andere handlungsorientierte Lernformen in der Schule heute für die Gesellschaft sind. Clemens Brunsen, Schulleiter der Haupt- und Realschule Bohmte, nannte eine veränderte Lehrerrolle als Schlüssel dafür, dass Schüler lernen sich sozial zu engagieren . „Früher ging man davon aus, dass Schüler 45 Minuten zuhören. Heute sollen sie die Hauptrolle spielen und der Lehrer nur noch Regie führen in einer Art didaktischem Theater“, untermauerte Brunsen das Umdenken. Dafür leiste Service Learning einen Riesenbeitrag. Die Haupt- und Realschule Bohmte fördert im Besonderen die mathematisch-naturwissenschaftlichen Kompetenzen (kurz MINT) von Schülern. Marie Derkes, verantwortlich für die Begabungsförderung am Gymnasium „In der Wüste“ in Osnabrück, wies auf ein positives Selbstbild und Eigenverantwortung hin, die nötig sind, bevor sich junge Menschen für Andere einsetzen können. „Wenn wir es schaffen, dass Schüler, die nie etwas sagen, der Klasse beispielsweise ein eigenes Lesetagebuch vorstellen, haben wir den Grundstein gelegt“, sagte die Oberstudienrätin. Diskussionsfreudig zeigten sich die Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer bei der Frage nach der Motivation für das freiwillige Service Learning. Zehn bis 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums „In der Wüste“ entscheiden sich dafür. Kontinuierlich ermutigt das Kollegium dort die Schüler entsprechend ihrer Begabungen, sich freiwillig in eigenen und später in gemeinnützigen Projekten zu engagieren. Zwar wollen manche damit den Lebenslauf vor der Berufswahl aufwerten, doch jüngere Schüler zwischen der 7. und 9. Klasse helfen weitgehend aus Überzeugung. Aus Sicht der emeritierten Professorin Dr. Hildegard Müller-Kohlenberg, Begründerin des Osnabrücker Vereins und bundesweiten Mentorenprogramms Balu und Du, verändert sich die Motivation: „Zu Beginn locken Studienpunkte oder die Anrechnung als Praktikum. Doch wenn die Studierenden und die betreuten Kinder auch nach Ablauf des Projektjahres die Freundschaft pflegen, überwiegt die Sache an sich“. Professor Dr. Thomas Bals, Dozent für Berufs- und Wirtschaftspädagogik an der Universität Osnabrück, lenkte den Blick über den Tellerrand Schule hin zum Gemeinwesen: „Service Learning ist eine Facette, mit der sich der Lernort Schule öffnen kann und sich die Lücken in gemeinnützigen Angeboten schließen können. Andererseits geht Service Learning aus meiner Sicht über die Schule hinaus und betrifft das lebenslange Lernen“.

Zum Abschluss der Veranstaltung forderten die Vertreterinnen und Vertreter von Gemeinden und Verbänden interessierte Schulen auf, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Das Netzwerk Bildung will die Vernetzung und Zusammenarbeit durch weitere Veranstaltungen und Formate unterstützen.

Das Netzwerk Bild bedankt sich auch auf diesem Wege bei den Schülerfirmen Schülerzauber der Paul-Moor-Schule Bersenbrück und Teamwork (Abt. Catering) der Hauptschule Dissen, die beide die schmackhaften Speisen des Imbisses zum Abschluss der Veranstaltung zubereitet haben.

Nachfolgend einige Impressionen der Veranstaltung:

 

Quelle (alle Bilder): Hermann Pentermann / Landkreis Osnabrück